
Alles Malle, oder was?
Die Sonne scheint bei Tag und Nacht – Eviva España! Sangria, Paella und Malle! Was wären wir Deutschen ohne unsere spanische Lieblingsinsel und ohne die iberische Küche? Spanisches nehmen wir ja gerne in den Mund – nur mit der Aussprache hapert’s manchmal.
Sommerzeit, Ferienzeit – und wie jedes Jahr fliegen Hunderttausende Deutsche zu jener spanischen Insel, die von manchem schon liebevoll-imperialistisch als 17. Bundesland bezeichnet wurde. Dabei wissen längst nicht alle einmal, wie man den Namen dieser Insel richtig ausspricht: Viele nennen sie “Mal-lor-ka”, mit einem lieben, lustigen “l”-Laut in der Mitte. Dass das Doppel-l im (Hoch-)Spanischen für “lj” steht, kann man ohne entsprechende Vorbildung ja auch nicht wissen. Und selbst diejenigen, die über die entsprechende Vorbildung verfügen, sprechen in der verkürzten Form gern von “Malle”.
Offiziell wird das spanische “ll” (genannt “elje”) mit einem leicht anklingenden “l” gesprochen, so wie im deutschen Wort “Familie”. Aber für Spanien gilt dasselbe wie für Deutschland: Überall spricht man anders. In der Umgangssprache hat sich das Elje zu einem “j” verschliffen, sodass außer “Maljorka” auch oft die Form “Majorka” zu hören ist.
Bei der Paella ahnen die meisten Deutschen offenbar, dass dort irgendwo ein “j”-Laut hingehört. Das beliebte spanische Resteessen wird jedenfalls zumeist richtig “Paëlja” ausgesprochen, sowohl mit l als auch mit j. Regelmäßig ins Schleudern kommt man im Spanischen ja beim Zählen. Erst haben wir Deutschen mühsam die italienischen Zahlen gelernt (uno, due, tre, quattro), nun müssen wir auch noch die spanischen lernen. Und die sind so verdammt ähnlich! Was heißt denn nun “zweimal Paella bitte” auf Spanisch? “Due … nein … dos paella per… por… favore.” Oder so ähnlich. Hauptsache, man wird verstanden.
Und das wird man ja, weil immer mehr Spanier inzwischen Deutsch sprechen. Zumindest in der Gastronomie. Die meisten Speisekarten sind ohnehin mehrsprachig. Dabei kommt es immer wieder mal zu Missverständnissen. Erst deutete der Wirt der Pizzeria “Don Quixote” die allseits beliebte Pizza “Quattro Stagioni” (Vier Jahreszeiten) zur Pizza “Quattro Stazioni” um. Ein geringfügiger Hörfehler, kaum schlimmer als die Verwechslung des Wortes “Stadion” mit dem Wort “Stadium”, wie sie den Sportreportern während der WM reihenweise unterlaufen ist. Beim Übersetzen ins Deutsche wurde aus der “Quattro Stazioni” dann eine Pizza “Vier Bahnhofs”. So kommt es, dass die Gäste beim Studieren der Speisekarte bisweilen nur Bahnhof verstehen – das dann aber gleich vierfach.
Übrigens enthält auch der bei deutschen Touristen so beliebte Schlager “Eviva España”* einen Hörfehler. Denn “Eviva España” ergibt im Spanischen gar keinen Sinn. Der korrekte Konjunktiv lautet “¡Qué viva España!” (“Möge Spanien hochleben!”), und so heißt es denn auch in der spanischen Version des Liedes.
Die Deutschen, die dauerhaft auf Mallorca leben (vornehm auch “die deutschen Residenten” genannt), schlagen sich indes mit ganz anderen Problemen herum. So wollte der Chefredakteur der “Mallorca Zeitung” beispielsweise von mir wissen, ob es eine Regel für die Ableitung von Städtenamen gebe. Wie heißen die Einwohner der Inselhauptstadt Palma? Werden sie auf Deutsch Palmaner genannt? Oder Palmaraner? Palmarianer? Oder gar Palmesen? Da war ich im ersten Moment ratlos. Eine Regel gibt es nämlich nicht, die meisten Formen sind historisch gewachsen; manchmal entstanden sie in Analogie zu anderen Formen, manchmal setzte sich auch einfach diejenige Form durch, die sich am besten aussprechen ließ.
Sicher weiß ich nur, dass die Bewohner Palmas nicht “Palmen” heißen. Die gibt es auf der Insel zwar auch, doch die bewegen sich nicht von der Stelle. In der Redaktion der “Mallorca Zeitung” orientiere man sich an den spanischen Formen, erklärte mir der Chefredakteur. Und auf Spanisch heißen die Bewohner von Palma de Mallorca “Palmesanos”. Ich erwiderte, dass ich die Übernahme der spanischen Form für eine vernünftige Lösung halte, auch wenn sie ein bisschen nach italienischem Reibekäse klingt.
Auch im Spanischen gibt es für die Ableitungen keine festen Regeln. Die Bewohner der kanarischen Insel La Palma werden “Palmeros” genannt, und die Einwohner der Stadt Las Palmas auf Gran Canaria heißen “Palmense”. Da soll sich einer zurechtfinden! Die meisten sind ja schon froh, wenn sie die kanarischen und die balearischen Inseln auseinander halten können. (Die Faustregel lautet: Auf Malle gibt’s den Ballermann, daher gehört die Insel zu den Balearen.)
Zum Verwirrspiel zwischen “l” und “j” wusste ein Leser folgende hübsche Anekdote zu berichten: Als der Schauspieler Til Schweiger einmal zu Gast in der Harald-Schmidt-Show war und es um Tequila ging (das ja nur mit einem “l” geschrieben und deshalb auch im Spanischen als “l” gesprochen wird), soll Schweiger den Gastgeber verbessert haben, als dieser richtig “Tekila” sagte. Im Spanischen würde das “l” wie ein “j” gesprochen, so Schweiger, deshalb heiße es “Tekija”. Da Schweiger dies sehr überzeugend vortrug, sprach die ganze Runde fortan von “Tekija”.
Auf einem Rummelplatz in Palma de Mallorca erlebte ich etwas, das mich schmunzeln ließ. Ich hatte Appetit auf etwas Süßes und reihte mich in die Warteschlange vor einem Crêpe-Stand ein. Vor mir war ein ungefähr achtjähriger mallorquinischer Junge dran. Als er gefragt wurde, was er auf seine Crêpe haben wolle, deutete er auf das Glas mit der Haselnusscreme und rief: “Nuteja!” So also rächt sich der Spanier für unser “Mal-lor-ka”. Er spricht das Doppel-l in “Nutella” wie ein “j”! Was dem Deutschen sein Malorka, das ist dem Spanier sein Nuteja. Damit wäre dann ja alles im Lot. Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Hasta la vista = Hast du die gesehen?
Mit freundlicher Genehmigung von Bastian Sick, Zwiebelfisch
Zwiebelfisch-ABC: auf Mallorca/in Mallorca




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